LH Peter Kaiser im Interview
Nach 13 Jahren als Landeshauptmann beendet Peter Kaiser am 31. März seine politische Laufbahn. Ein offenes Gespräch über Verantwortung, Herausforderungen, Fehler. Ein Nachdenken über Herzensprojekte, Highlights, Hoppalas. Ein persönliches Resümee, was Macht mit einem Menschen macht… und wie es weitergeht.
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Claudia Grabner
Im Wahlkampf 2013 haben Sie als ein Ziel ausgegeben, Sie möchten Kärnten moralisch sanieren. Ziel erreicht?
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Peter Kaiser
Ich denke, wenn man das jetzt etwas plakativ damals gemeint hat, dass sich Kärnten gefestigt hat, dass wir wieder einen wertschätzenden Umgang auch in der Politik miteinander haben im Vergleich zu den Jahrzehnten vorher. Und ich denke, dass wir auch als Region erkennbar, sichtbar und an Wert gewonnen haben.
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Claudia Grabner
Ein zweites zentrales Ziel war neben der moralischen Sanierung vor allem auch die finanzielle Sanierung. Ihre Bilanz?
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Peter Kaiser
Wenn ich das sehr nüchtern anschaue, dann ist es uns auf der einen Seite gelungen, Kärnten vor dem drohenden Konkurs zu bewahren. Eine Kraftanstrengung, bei der wir auch gemeinsam mit dem Bund und vor allem unter der Führung von der Landesfinanzreferentin teilweise schier Unmögliches wahr gemacht haben. Auf der anderen Seite ist natürlich dieses Schuldenpaket, das wir mit übernommen haben, über 3 Milliarden € jetzt auf knapp 4 Milliarden angewachsen.
00:01:19:20 - 00:01:50:05
Peter Kaiser
Aber die Begründungen dafür liegen auch auf der Hand: Wir haben mehreren Krisen entgegengesteuert. Wir haben die Sanierung der Hypo Heta Schulden zustandegebracht. Und ich sage: In Summe ist für mich eines als Zahl oder als Relation wichtig - die Leistungsfähigkeit der Kärntner Wirtschaft in Relation zum Schuldenstand. Und da liegen wir in etwa bei rund 15 %.
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Peter Kaiser
Das ist eine Zahl, eine Relation, auf die man aufbauen kann.
00:01:55:22 - 00:02:21:22
Claudia Grabner
Jetzt, gerade in Tagen wie diesen, wo Sie kurz vor dem Ausscheiden aus der Politik stehen, ziehen auch Ihre Kritiker Bilanz über Ihre Amtszeit. Und da wird eben immer genau dieser Schuldenberg zitiert: Sie sagen, Sie haben eben Kärnten nicht saniert, sondern die Schuldenquote bzw. die Pro-Kopf-Verschuldung habe eine Rekordhöhe erreicht. Wie passt diese Kritik mit Ihrer Bilanz zusammen?
00:02:21:24 - 00:02:59:02
Peter Kaiser
Ich nehme Kritiker immer sehr ernst. Man kann über Kritik besser werden. Ja, und ich räume ein, dass wir von den Gesamtschulden 1/4 in den letzten 13 Jahren von uns aus verursacht haben, bei gleichzeitiger Sanierung von einer Haftungssumme, die knapp 25 Milliarden € betragen hat. Damit man sich das auch vorstellen kann: 25 Milliarden in Relation zu den damaligen Zeiten eines Budgets mit rund 3 Milliarden pro Budget, da war man also mehr als das Achtfache an Verschuldung eingegangen.
00:02:59:04 - 00:03:03:09
Peter Kaiser
Ich glaube, dieser Vergleich macht sicher, indem man auch im Nachhinein bewertet.
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Claudia Grabner
Wir befinden uns in Zeiten des absoluten Spardrucks. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind enorm. Wie kann man da in der Politik überhaupt noch gestalten?
00:03:15:21 - 00:03:55:03
Peter Kaiser
Ich glaube, dass das Sparen ein Gebot der Stunde ist. Ich habe immer versucht, den Begriff des intelligenten Sparens darzustellen. Sparen soll heißen, dass man versucht, unnötige Aufgaben zu vermeiden, Duplizitäten gar nicht erst entstehen zu lassen. Auf der anderen Seite aber zu investieren, wie es beispielsweise die öffentliche Hand macht. In Kärnten sind es heuer rund 1,376 Milliarden €. Wenn das nicht passieren würde, würden in der Wirtschaft wie etwa im Baubereich, würden in der Infrastruktur viele, viele Arbeitsplätze gefährdet sein.
00:03:55:05 - 00:04:18:19
Peter Kaiser
Und wir würden gut funktionierende Infrastrukturen eigentlich verrotten lassen. Das heißt, du musst dieses Balance-Gefühl finden zwischen intelligentem Sparen und vernünftigem, nachhaltigem Investieren. Und ich denke, dass wir diesen Spagat zumindestens mit aller Kraft aller sieben Regierungsmitglieder und gemeinsam mit dem Kärntner Landtag relativ gut vollziehen.
00:04:18:21 - 00:04:44:15
Claudia Grabner
Am 3. März 2013, nach der erfolgreichen Wahl, waren Sie der Architekt der ersten Dreierkoalition in der Geschichte der Zweiten Republik - auf Bundesländerebene. Im Nachhinein betrachtet war das gescheit? Oder wäre mit der klassischen Zweiervariante, die sich locker ausgegangen wäre, vielleicht vieles einfacher und schneller gegangen?
00:04:44:17 - 00:05:33:24
Peter Kaiser
Ich glaube, dass wir damals in den Entscheidungsgremien richtig abgewogen haben. Die zwar noch nicht ganz in ihrem vollen Umfang bekannte Schuldensituation, die Bedrohungen durch die Hypo-Krise, habe ich so eingeschätzt mit meinen Freundinnen und Freunden, dass wir gesagt haben, versuchen wir eine breite Mehrheit zu schaffen, um den anstehenden Problemen eben auch politisch möglichst breit zu begegnen. Und ich darf in Erinnerung rufen, dass ja damals der Kärntner Landtag sechs Parteien, die Kärntner Landesregierung fünf Parteien gehabt hat und aus dem heraus diese Dreierkoalition zu formen und dann damit auch die Zweidrittelmehrheit zu haben, hat uns dazu veranlasst, dass wir die Kärntner Landesverfassung sehr entscheidend verändert haben und von einem bis dahin geltenden Proporzsystem, das heißt ab einer gewissen
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Peter Kaiser
Größe ist jede Partei auch in der Regierung vertreten, hin zu einem klassischen Regierungs- versus Oppositionsmodell geändert haben, so wie es in der Republik mittlerweile nahezu überall der Fall ist.
00:05:46:04 - 00:06:02:11
Claudia Grabner
Sie haben sich all die Jahre für "mehr Anstand in der Politik", für eine "politische Kultur" eingesetzt. Fürchten Sie, dass sich jetzt insbesodnere durch Social Media eine Unkultur über die Gesellschaft ergießt?
00:06:02:13 - 00:06:40:00
Peter Kaiser
Es ist spürbar, dass viele Grenzen, moralisch ethische, in einer gewissen vermeintlichen Anonymität verschwinden. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft insgesamt sehr vorsichtig sein, auch im Umgang miteinander. Und ja, ich bin einer der vehementesten Vertreter dafür, dass dort, wo diese teilweise Beleidigungen, Häme etc. stattfindet, auch Verantwortung eingefordert wird. Verantwortung, die ich bei den Plattformbetreibern erwarte. Das istmittlerweile auch eine EU-weite, gesicherte mehrheitliche Basis.
00:06:40:06 - 00:07:05:06
Peter Kaiser
Ich glaube daher, dass der Digital Service Act der Europäischen Union eine ideale legale Basis dafür ist, dass man dort auch diese Verantwortung a) einfordert und b) im Fall des Ignorierens auch drastische Strafen ausspricht. Ich halte es für richtig, dass wir keinen rechtsfreien Raum haben, schon gar nicht im Internet.
00:07:05:08 - 00:07:30:21
Claudia Grabner
Hass und Hetze im Internet ist die eine Geschichte. Die andere Geschichte ist, dass die Politik fast schon gezwungen ist, auf Social Media komplexe, schwierige Themen massiv zu verkürzen. Fürchten Sie, dass diese verkürzte Darstellung politischer Themen eine Gefahr für unsere Gesellschaft ist?
00:07:30:23 - 00:08:10:00
Peter Kaiser
Ich glaube, dass Verkürzungen oder Vereinfachungen, Simplifizierungen eigentlich eher jenen politischen Kräften nutzen, die weniger an Strategieüberlegungen, Inhalten, Weltbildern in sich tragen. Daher ja, ich halte es für eine Entwicklung, der man zumindestens a) bewusst sein muss und b) dann auch in adäquater Form versucht, dem gegenzusteuern. Was wir in Kärnten versuchen, ist, dass wir all das, was wir politisch machen, möglichst transparent gestalten und damit, so es jemand will, auch eine Nachvollziehbarkeit gegeben ist.
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Claudia Grabner
Muss besonders vor dem Hintergrund der Erstarkung von Social Media ein Politiker, eine Politikerin heute andere Eigenschaften mitbringen als noch vor 13, 20 Jahren?
00:08:22:15 - 00:08:56:07
Peter Kaiser
Ja, die gesellschaftliche Veränderung trifft natürlich Menschen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen ganz besonders. Das ist ein Prozess, den ich als Soziologe sehr gut nachvollziehen kann. Das gesamte Leben ist eine permanente Entwicklung. Veränderung ist damit natürlich inbegriffen. Und so ändert sich wahrscheinlich jeder, auch der Peter Kaiser von 2013 ist nicht mehr eins zu eins im Erscheinungsbild, im Auftreten wie jener im Jahr 2026.
00:08:56:09 - 00:09:04:04
Claudia Grabner
Dann frage gleich nach: Wo sehen Sie selbst die größte Veränderung in Ihrer Person und in Ihrer Persönlichkeit?
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Peter Kaiser
Also bleiben wir bei dem Beispiel, das genannt wurde: Die Präsenz in den sozialen Medien, in der Kommunikation hat sich geändert und hat natürlich auch mich erfasst. Meine erste politische Funktion war Pressesprecher in der Sozialistischen Jugend. Da war das Schreiben eines Leserbriefes quasi schon seine richtige Aufgabe. Heute sind es schon an die 60, 70 Postings, die pro Tag hinausgehen, die man zumindestens kennen sollte, um dann auch adäquat agieren, reagieren oder auch Maßnahmen einleiten zu können.
00:09:43:23 - 00:09:49:00
Claudia Grabner
Finden Sie, dass Sie sich auch in irgendeiner Eigenschaft verändert haben?
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Peter Kaiser
In Eigenschaften, sofern sie Charakter-gesteuert sind, Werte-gesteuert sind, nicht. Aber der Stil, wie man Dinge, für die man steht oder für Anschauungen, die man vertritt, zu vermitteln sind, die haben sich geändert.
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Claudia Grabner
Nicht geändert hat sich Ihr konsensorientierter, Ihr ausgleichender Stil in der Politik. Finden Sie, dass auch einmal eine härtere Gangart notwendig gewesen wäre?
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Peter Kaiser
Was mir politisch immer wichtig war, ist und sein wird, egal in welcher Form, ist Authentizität. Ich möchte mich nicht, um irgendjemanden vielleicht besonders positiv zu erscheinen, in irgendeine andere Rolle drängen, die mir nicht eigen ist. Also ich bin so wie ich bin, entwickle mich auch immer weiter so wie es jede und jeder andere tut.
00:10:45:15 - 00:10:50:05
Peter Kaiser
Aber unauthentisch zu sein, das ist etwas, was für mich nicht in Frage kommt.
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Claudia Grabner
Das heißt, eine wesentliche Charaktereigenschaft ist Ihr ausgleichendes, konsensorientiertes Wesen...
00:10:56:12 - 00:11:11:14
Peter Kaiser
Ich halte es für vernünftig. Wir sind alles menschliche Wesen mit Fehlern. Ich mache täglich welche. Umso wichtiger ist es aber, dass man auch ein gewisses Korrektiv hat. Und das Korrektiv findet man in Menschen und nicht jetzt in irgendwelchen Algorithmen.
00:11:11:16 - 00:11:18:16
Claudia Grabner
Apropos Fehler: Rückblickend betrachtet - wo sehen Sie Ihren größten politischen Fehler?
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Peter Kaiser
Diese Frage ist mir in letzter Zeit sehr oft gestellt worden. Es hat Einzelgeschichten gegeben, die vielleicht zu wenig durchdacht worden sind. Einmal der Versuch, eine gewisse Kennzeichnung zu machen, um Menschen, die geimpft sind und nicht geimpft sind, auch erkennbar zu machen. Das sind Dinge, die zu wenig durchdacht und zu spontan gemacht worden sind.
00:11:44:14 - 00:12:08:15
Peter Kaiser
Und so werden es viele, eine ganze Reihe von Bereichen gewesen sein. Auf der anderen Seite sage ich: Man muss auch den Mut haben, Fehler zu machen, sie zu erkennen und daraus dann entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. Wo ich sehr kritisch bin, ist, wenn dieselben Fehler, die nachweislich Fehler waren, mehrfach gemacht werden.
00:12:08:17 - 00:12:22:09
Claudia Grabner
Sie haben kürzlich in einem Interview gemeint, Sie seien in Ihrer Amtszeit nie überfordert gewesen, aber oft herausgefordert. Welche Situation hat Sie zumindest nahe an die Überforderung gebracht?
00:12:22:11 - 00:13:08:16
Peter Kaiser
Wenn ich es retrospektiv betrachte, dann war natürlich diese Länge, diese verschiedenen gesetzlichen Veränderungen, diese Unabwägbarkeiten in der Hypo-Heta-Causa über einen längeren Zeitraum, also einem Zeitraum von über zwei, zweieinhalb Jahren, eine der größten Herausforderungen. Auch, was jetzt das permanente Sich-Auseinandersetzen betroffen hat. Ein zweite immense Herausforderung war die Covid-Krise, die von März 2020 eigentlich bis 2023 angedauert hat, wo ich als Leiter des Krisenstabes über einen sehr, sehr langen Zeitraum immens gefordert war
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Peter Kaiser
gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Weil du eben in Wirklichkeit im permanent unbekannten und nicht wirklich abschätzbaren Terrain tätig warst. Und ich habe damals etwas getan, was vielleicht bei manchen auch Kritik hervorgerufen hat: Ich habe eine Entscheidung mit meinem Team getroffen und gesagt, absolute Priorität in dieser ganzen Covid-Krise hat es, Menschenleben um jeden Preis zu retten und zu sichern.
00:13:40:23 - 00:14:04:05
Peter Kaiser
Und mit díeser Prämisse haben wir gehandelt. Das hat vielfach auch zu Kritik geführt, beispielsweise bei einem Angebot von Impfungen und und und. Aber letztendlich auch zurückblickend: Es war eine Entscheidung, die man treffen musste. Und ich weiß nicht, wie viele Menschen schon in einer solchen Situation waren, solche Entscheidungen für viele auch treffen zu müssen.
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Claudia Grabner
Jetzt haben sie schon zwei große Krisen im Laufe Ihrer Amtszeit angesprochen, nämlich Hypo und die Pandemie. Es hat aber noch weitere gegeben: neben der Hypo-Heta-Abwicklung und Corona auch HCB und Unwetter-Katastrophen etc. Es war wirklich eine Aneinanderreihung von Krisen, die zu bewältigen gewesen sind. Welche Krise hat Sie persönlich am meisten geformt oder verändert?
00:14:33:00 - 00:15:20:17
Peter Kaiser
Veränderungen finden nicht von einem Moment auf den anderen statt. Daher war es die Hypo-Heta und es war die Covid-Krise, die natürlich unmittelbar die handelnden verantwortlichen Personen, in dem Fall mit dem Landeshauptmann an der Spitze des Landes stehend, am meisten in den Fokus gebracht haben und damit auch die größten Herausforderungen in jedweder Hinsicht an mich selbst gebracht haben. Es hat aber auch viele andere schlimme Situationen gegeben, wenn ich nur an das fürchterliche Attentat am 15. Februar des Vorjahres in Villach denke, wo man einfach sprachlos gegenüber dem Leid, der Trauer und all dem gegenübersteht und trotzdem versuchen muss, wieder in den Alltag zurückzufinden
00:15:20:19 - 00:15:33:12
Peter Kaiser
und Maßnahmen zu setzen, die so etwas möglichst nicht mehr wiederholbar machen. Alles Bemühungen, wo man weiß, man kann diesen junge Menschen nicht mehr lebendig machen.
00:15:33:14 - 00:15:42:09
Claudia Grabner
Von den Krisen zu Erfreulichem: Was war für Sie das Highlight in Ihrer Landeshauptmannamtszeit?
00:15:42:11 - 00:16:29:00
Peter Kaiser
Ich bin kein Mensch, der Extreme als etwas Besonderes darstellt. Ich glaube, das Wesentlichste in meiner kritischen Selbstreflexion ist eine gewisse Grundkontinuität, die wir in dem Land geschafft haben, dass wir - ich sage im Vergleich zu vorherigen Zeiten - eher unaufgeregt, eher ruhiger, eher sachlich betont, die Geschicke über mittlerweile 13 Jahre geführt haben. Wenn es um Einzelentscheidungen mit ihren Auswirkungen geht, dann warzweifelsohne für mich eine der wichtigsten Entscheidungen der gebührenfreie Besuch von elementarpädagogischen Einrichtungen, also Gratiskindergärten, Gratiskindertagesstätten.
00:16:29:02 - 00:16:56:04
Peter Kaiser
Das ist eine Maßnahme, die sich immens in positiver Hinsicht auswirken wird, obwohl die momentan Betroffenen das jetzt schon als "es war eh immer so" bewerten. Aber es war eine Maßnahme, die sehr, sehr viel an Überzeugungsarbeit gebraucht hat. Und ich glaube, dass wir in Summe das schon als einen sehr, sehr großen Schritt in eine bildungsdominierte Zukunft sehen können.
00:16:56:06 - 00:17:06:14
Claudia Grabner
Gibt es auch so etwas wie Ihr persönliches Herzensprojekt? Es kann auch eine kleine Maßnahme sein, von der Sie sagen: Das liegt mir wirklich am Herzen...
00:17:06:17 - 00:17:41:22
Peter Kaiser
Da muss ich ein bisschen differenzieren: Für mich ist alles eine Herzensangelegenheit, genauso wie eine Verstandessache. Diese möglichst aufeinander abgestimmte Vorgehensweise zu haben, widerspiegelt sich nahezu in allen Entscheidungen. Wenn ich jetzt die Felder so beschreibe, war es vor allem der gesamte Bereich der Bildung, den ich als eine der wichtigsten Voraussetzungen sehe, dass sich Menschen kritisch entwickeln können, auch reflektieren, was in der Gesellschaft passiert und mit erworbenem Wissen vielleicht dazu beitragen können, dass sich die Gesellschaft positiv entwickelt.
00:17:41:24 - 00:17:54:16
Peter Kaiser
Das heißt, alles, was ich in diesem Bildungsbereich - und der ist sehr breit gefächert - positiv entwickeln konnte, würde ich auf einer sehr, sehr wichtige, auch emotionale Haben-Seite buchen.
00:17:54:18 - 00:18:03:03
Claudia Grabner
Sie waren die starke Stimme Kärntens in Europa. Welche Bedeutung hat Europa für Kärnten?
00:18:03:05 - 00:18:55:09
Peter Kaiser
Eine immer größer und bedeutender Werdende. Ich glaube, dass wir alle erkennen in der derzeitigen geopolitischen Situation, dass wir bei allem Selbstbewusstsein als ein Land mit 571.000 Einwohnern, als eine Republik mit knapp 9 Millionen Einwohner nicht sichtbar sind, nicht wirklich sichtbar sind im Weltkonzern, in einer geopolitischen Situation, wo Stärke und Macht immer unreflektierter demonstriert wird. Ich glaube, dass wir nur als Europäische Union, als eine supranationale Organisation im Verbund mit vielen anderen Ländern, die einer liberalen Demokratie anhängen, eine gute Chance haben, auch ein weltweit gesehener Machtfaktor zu werden.
00:18:55:11 - 00:19:50:12
Peter Kaiser
Dazu ist es notwendig, eine gemeinsame Außenpolitik, eine gemeinsame Sicherheitspolitik zu haben und eine Geschlossenheit, die verbesserungswürdig ist, innerhalb der Europäischen Union zu haben. Denn Geschlossenheit macht stark und macht uns auch zu einem Sprachrohr einer liberalen, demokratisch geführten Welt. Und dass das höchst notwendig ist, zeigen ja Zahlen, die ich nur mit drei zentralen Zuordnungen sagen möchte:72 % der Weltbevölkerung lebt in autoritären Regimen, 16 % in sogenannten Wahldemokratien, die aber viele demokratische Gepflogenheiten nicht haben und nur 12 % in Demokratien, wie sie Österreich ist, mit einer Gewaltentrennung zwischen gesetzgebender Körperschaft, der Exekutive und der Justiz.
00:19:50:14 - 00:20:05:13
Claudia Grabner
Sie haben heute anschließend noch ein Treffen mit jugendlichen Mitschülern, um über die Bedeutung von Europa zu sprechen. Glauben Sie, dass das der richtige Weg, um die Kärntnerbevölkerung für Europa zu sensibilisieren.
00:20:05:15 - 00:20:28:24
Peter Kaiser
Sensibilisierung oder aufmerksam machen auf die Bedeutung der Europäischen Union, dass Europa Es geht auf allen Ebenen und hat auch alle Aspekte mit zu berücksichtigen. Ein Gespräch mit Jugendlichen ist sicherlich eine gute Investition in eine europäische Zukunft. Ich bin schon gespannt, welche kritischen Fragen auch auf uns einprasseln werden.
00:20:29:01 - 00:20:44:11
Claudia Grabner
13 Jahre in einer derart exponierten Funktion zu sein, macht etwas mit einem Menschen: Macht Macht etwas. Was war Ihrer Meinung nach der Preis der Macht für Ihre Persönlichkeit?
00:20:44:13 - 00:21:31:18
Peter Kaiser
Ich denke, und das mag jetzt vielleicht etwas eingenommen klingen: Ich bin insgesamt 52 Jahre politisch tätig. Das heißt, 1/4 dieser Zeit durfte ich als Landeshauptmann von Kärnten verbringen. 3/4 waren vorher schon geprägt, also allzuviel hat es eigentlich nicht gegeben. Was aber schon - und das ist, glaube ich, das ganz Entscheidende - anders ist, als ich es in den anderen drei Vierteln meiner politischen Tätigkeit hatte, ist das ungeheure Ausmaß an Verantwortung, und das kann man in Worten schwer darstellen.
00:21:31:20 - 00:22:00:02
Peter Kaiser
Auch wenn man irgendwo außerhalb Kärntens ist, ist man in Gedanken, mit dem Handy, mit dem Rundfunk immer wieder im Land, um zu sehen, was passiert. Und ja, ich bin gespannt, wenn ich den ersten Tag außerhalb meines Amtes bin, wie es mir dann gehen wird, wenn die Verantwortung in andere Hände gelegt ist. Ich bin neugierig und würde dann auch gerne in einem Interview die Frage letztendgültig beantworten.
00:22:00:04 - 00:22:19:12
Claudia Grabner
Das machen wir auf alle Fälle! Weil Sie jetzt "Verantwortung" gesagt haben: Ich gehe davon aus, dass Sie sehr viele schlaflose Nächte hatten, viele Sorgen, die Verantwortung, die einen lastet. Woran erkennt man im Rückblick, dass sich all das ausgezahlt hat?
00:22:19:14 - 00:22:32:22
Peter Kaiser
Ich glaube, das kann man nicht selber bewerten. Das müssen andere bewerten. Eine einzige Bewertungsinstanz habe ich für mich gehabt und die ist sehr simpel. Ich möchte mir jeden Tag in den Spiegel schauen können. Bis jetzt geht es.
00:22:32:24 - 00:22:36:21
Claudia Grabner
Was war denn Ihr größtes Hoppala in den 13 Jahren?
00:22:36:23 - 00:22:40:01
Peter Kaiser
Dass ich jetzt auf diese Frage keine Antwort weiß.
00:22:40:03 - 00:22:45:03
Claudia Grabner
Das spricht für Sie. - Und worüber können Sie lachen?
00:22:45:05 - 00:23:04:15
Peter Kaiser
Eigentlich jeden Tag über sehr, sehr vieles. Ich bin eigentlich ein Mensch, der ein grundsätzlicher Optimist ist und der keine großen Unterhaltungsshows braucht, um sich wohlzufühlen. Ein Lächeln oder ein sanfter Händedruck oder ein Danke - das reicht mir schon.
00:23:04:17 - 00:23:10:16
Claudia Grabner
Was werden Sie ab 1. April nicht vermissen?
00:23:10:18 - 00:23:39:08
Peter Kaiser
Das weiß ich noch nicht. Aber ich glaube, dass es sicherlich ein völliger Neustart für mich in meinem Leben ist. Ich bin dann das erste Mal ohne klare Aufgabenstellungen. Das erste Mal in einem neuen Aggregatzustand, genannt Pension. Ich werde mich dort hineinfinden müssen. Aber ich war immer ein lernendes Subjekt und werde es auch lernen, einmal Freizeit zu haben und Zeit-Millionär zu sein.
00:23:39:10 - 00:23:42:07
Claudia Grabner
Und was werden Sie vermissen?
00:23:42:09 - 00:23:57:16
Peter Kaiser
Meine Kolleginnen und Kollegen, das Team, die Fähigkeit vieler, vieler Menschen. Das wird mir abgehen. Ich werde aber versuchen, das durch das Pflegen von Freundschaften und durch das weiter Kontakthalten, kompensieren zu können.
00:23:57:18 - 00:24:12:22
Claudia Grabner
Sie haben soeben gesagt, "Kollegen und Kolleginnen": Sie sind der einzige Politiker, der mir jetzt einfällt, der seine Mitarbeiter nicht Mitarbeiter nennt, sondern Kollegen und Kolleginnen. Warum?
00:24:12:24 - 00:24:20:14
Peter Kaiser
Es entspricht meinem Weltbild. Wir alle können nur als Team erfolgreich sein. Dass es geht, haben wir bewiesen.
00:24:20:16 - 00:24:26:11
Claudia Grabner
Welchen Rat möchten Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
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Peter Kaiser
Authentisch zu sein. Und das ist der Daniel.
00:24:30:22 - 00:24:54:10
Claudia Grabner
Eine letzte Frage: Sie haben gesagt, jetzt müssen Sie sich erst in den neuen Zustand einfinden, die Zeit genießen. Nachdem Sie das eine zeitlang getan haben, wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, prozentuell, dass Sie 2028 für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung stehen?
00:24:54:12 - 00:25:05:10
Peter Kaiser
Ich gestehe ganz ehrlich: Ich habe eine Schwäche in meinem mathematischen Leben gehabt. Es war das Prozentrechnen. Ich kann diese Frage leider nicht befriedigend beantworten.
00:25:05:12 - 00:25:09:19
Claudia Grabner
Jede weietre Nachfrage würde sich erübrigen, oder?
00:25:09:21 - 00:25:13:12
Peter Kaiser
Es ist unhöflich, einer Dame zu widersprechen.
00:25:13:14 - 00:25:14:22
Claudia Grabner
Dann danke ich vielmals.
00:25:15:01 - 00:25:15:12
Peter Kaiser
Ich auch.